Der Gipfel des Großen Fieberhorns

Bergunfall am Großen Fieberhorn

 

 

Als ich Ende Juli 2015 zu einer Klettertour im Tennengebirge aufbrach, wusste ich zunächst gar nicht so genau warum ich dies tat.

 

Eigentlich wollte ich an diesem Tag nach Nürnberg zu meinem Onkel fahren, um Tags darauf zu einer mehrwöchigen Bergtour in den Kaukasus zu fliegen.

Vermutlich war es die Langeweile oder einfach das Gefühl einen Tag ohne "Bergerlebnis" vergeudet zu haben, was mich schließlich dazu bewegte meine Bergkameraden Chris und Fritz anzurufen und zu fragen, ob eine Tour ansteht.

 

 

Wie es das Schicksal so wollte, hatte die Beiden für den Mittag bereits eine kleine Tagestour im Tennengebirge geplant und so zögerte ich nicht lange und schloss mich ihnen an.

Schließlich passte es perfekt in meinen Zeitplan, sodass ich am Abend noch ohne Stress meinen Zug nach Nürnberg hätte nehmen können.


Nachdem wir eine Fahrgemeinschaft ausgemacht hatten, fuhren wir gemeinsam nach Werfen in Österreich und parkten an einem Parkplatz, von dem aus wir mit dem Aufstieg zur Werfener Hütte begannen.

 

Bereits während unseres Aufstieges wurden wir immer wieder von dichten Nebelbänken eingehüllt, die sich allerdings auch schnell wieder verzogen.

 

Nach rund 1,5 Stunden Aufstieg über Almwiesen und steinige Pfade erreichten wir schließlich die Werfener Hütte und machten kurz Rast.

Fritz entschied sich dazu, alleine eine Tour auf den Hochthron zu machen und so ging ich mit Chris an den Fieberhörnern klettern.

Wir wollten zunächst die Route "Fun in the Sun" (10 SL., 4+/A0 (6)) am kleinen Fieberhorn und anschließend den oberen Teil der Precht-Route "Panorama" (ca. 8 SL, 5/5+) klettern, in die man hineinqueren kann.

 

Zügig brachen wir auf und erreichten nach ca. 10 Minuten den Einstieg der Route unterhalb der Thronleiter, die vom Throntal hinabreicht.

Durch Bohrhaken gut abgesichert, stiegen Chris und ich nun, in Wechselführung, die ersten Seillängen der "Fun in the Sun" empor, wobei wir gut voran kamen.

 

Die anfangs eher leichte Kletterei war überwiegend plattig, jedoch auch des Öfteren von Schrofen durchzogen, sodass wir höllisch aufpassen mussten mit den glatten Kletterschuhen nicht auszurutschen oder gar lose Steine loszutreten.

 

Zwischenzeitlich hatte sich der Nebel so verdichtet, dass er scheinbar in dem kleinen Tal unter uns festzuhängen schien, was uns die Orientierung beim Klettern etwas erschwerte.

 

Durch die Wände der Fieberhörner verlaufen einige Routen mit vielen Bohrhaken, weshalb bei schlechter Sicht durchaus die Möglichkeit besteht, dass man sich auf einmal in einer anderen Route wiederfindet.

 

Kletterroute Fun in the Sun

Dennoch schafften Chris und ich auch die Schlüsselstelle der Route und kamen nach der 10ten Seillänge zu einer ausgesetzten Querung, die hinüber in den oberen Teil der "Panorama" Route führt.

Diese wollten wir praktisch als Verlängerung unserer Klettertour nutzten.

 

Ich stieg die etwa 10 Meter lange Querung, unterhalb eines kleinen Überhanges, vor und sicherte Chris dann am Standplatz nach.

 

Nun folgte ein ausgesetztes Schrofengelände, welches wir am laufenden Seil durchstiegen, um anschließend die finalen Seillängen anzugehen.

 

Die letzten Seillängen der Kletterroute führten uns relativ steil und direkt aufwärts zu unserem Ziel, dem Gipfelplateau des Großen Fieberhorns.

Der Nebel hatte sich, in der Zwischenzeit, wieder etwas gelichtet und zuweilen konnte ich einen Blick hinaus ins Tal und sogar hinüber bis zum Hochkönigmassiv erhaschen.

 

Nachdem wir nun den Großteil der Tour hinter uns hatten, war es an mir die letzte Seillänge bis zum Ausstieg vorzusteigen.

Euphorisch machte ich mich ans Werk und gewann Meter um Meter nach Oben, bis das Gelände zunehmend brüchiger wurde und ich mich zu großer Vorsicht ermahnte.

 

Ich war bereits knappe 30 Meter vorgestiegen, als ich schließlich den Rand des Gipfelplateaus, etwa zwei Meter über mir, ausmachen konnte.

Ich querte ein Stück nach links aus der Route hinaus, da ich dort einen kleinen Absatz und einen Felskopf entdeckte, den ich als Standplatz nutzten wollte, um meinen Kletterpartner nachzusichern.

 

Vorsichtig stieg ich auf den Absatz und warf eine Bandschlinge über den Felskopf, welcher sich, auf Brusthöhe, vor mir befand.

Anschließend trat ich an den Felskopf heran, legte meine Hände daran und beugte mich seitwärts an ihm vorbei, um zu sehen, ob die Schlinge hinten ganz runter gerutscht war.


Plötzlich spürte ich einen Druck der mir gegen die Brust presste und rasend schnell an Kraft gewann.

Augenblicklich realisierte ich, dass der gesamte Felsblock, der ungefähr die Größe eines Backofens hatte, in meine Richtung kippte und drohte mich aus der Wand zu reißen.

 

Mir blieb nur noch die Zeit meinen Oberkörper nach rechts aus der Falllinie zu winden, um dann mit Entsetzten zu sehen wie der Felsblock auf mein linkes Bein niederkrachte, welches immer noch auf dem Absatz stand.

Völlig geschockt sah ich dem Felsblock nach, wie er anschließend in die Tiefe stürzte und dabei meinen Kletterpartner Chris nur knapp verfehlte.

Zunächst spürte ich fast nichts außer einem leichten Brennen und so kletterte ich die letzten zwei Meter hinauf zum Gipfelplateau.

 

Nach ungefähr 5 Sekunden, die ich für die letzten zwei Meter gebraucht hatte, traf es mich dann wie ein Schlag.

Ein unbeschreiblich glühender Schmerz durchfuhr mein Bein und ich bemerkte, dass mein linker Unterschenkel praktisch ohne Spannung war und wie ein Stück Gummi herum wackelte.

Ich brach zusammen und klammerte mich bäuchlings an einen Felsen.

 

Stoßartig ging nun meine Atmung und ich begann in bestialischer Art und Weise zu schreien.

Durch den herabfallenden Felsblock und mein Geschrei, war Chris in höchster Sorge um mich und alarmierte umgehend die Bergrettung.

Immer wieder rief er zu mir hoch und fragte mich nach meinem Zustand, jedoch vermochte ich nicht immer zu antworten, da ich allerlei Mühe damit hatte, die Schmerzen zu bekämpfen.

 

Nach einiger Zeit wagte ich einen erneuten Blick auf mein Bein und sah, dass ich auf der Außenseite meines linken Unterschenkels ein etwa Kronkorken großes Loch hatte, aus dem das Weiß des Knochens schimmerte.

Eine Blutlache ergoss sich auf die Felsen unter mir, wodurch ich die Befürchtung hatte, noch vor Eintreffen der Bergretter, zu verbluten.

 

Zunächst völlig allein lag ich nun am Gipfelplateau, hoffte darauf, dass Hilfe kommen oder ich zumindest bewusstlos werden würde, damit ich die Schmerzen nicht mehr ertragen musste.

 

Eine Weile später tauchten auf einmal mein Bergkamerad Fritz, der Hüttenwirt und dessen Sherpa bei mir auf und betreuten mich.

 

Sie waren durch das Throntal hoch und dann auf der anderen Seite des Fieberhorns aufgestiegen.

Zudem stieg noch mein Kletterpartner Chris an dem ungesicherten Seil auf und leistete mir Beistand.

 

Ich war unendlich froh nicht mehr alleine zu sein und jemanden zum Reden zu haben.


Zwischenzeitlich war die alarmierte Bergrettung ausgerückt und ich konnte bereits den Hubschrauber in der Ferne kreisen hören, jedoch schoben sich nun wieder dichte Nebelbänke zum Gipfel hoch, sodass eine Bergung aus der Luft unmöglich wurde.

 

Ich schätze es war am späten Nachmittag, ungefähr 1 ½ bis 2 Stunden nach meinem Unfall, als die Bergretter mitsamt einem Notarzt bei mir eintrafen.

Sie waren vom Helikopter bei der Werfener Hütte, unterhalb der Nebelgrenze, abgesetzt worden und dann weiter zu mir aufgestiegen.

 

Abseilen im Bergesack am Fieberhorn

Der Notarzt verabreichte mir ein starkes Schmerzmittel, welches mich umgehend in eine Art Glückseligkeit bzw. Dämmerzustand versetzte, so dass ich stellenweise immer wieder einen "Blackout" hatte.

 

In einem Bergesack wurde ich zunächst, von den Bergrettern, ein ganzes Stück das Gipfelplateau herunter getragen, bis zu einem Wandstück, wo sie eine Abseilstelle eingerichtet hatten.

 

Mit Bergesack und zwei Bergrettern wurde ich, an statischen Dyneemaseilen, ca. 200 Meter hinab ins Throntal abgeseilt.

 

Helikopterbergung am Fieberhorn

Dort war es anscheinend eine glückliche Fügung des Schicksals, dass die Nebeldecke aufriss und dem Helikopter erlaubte ins Throntal hinein zu fliegen.

 

Mit Notarzt und Flugretter zusammen, wurde ich dann, mittels Bergetau, ins Tal geflogen und von dort aus umgehend ins Landeskrankenhaus Salzburg.

 

An die Geschehnisse der Bergung erinnere ich mich nur noch in Bruchstücken, jedoch ist mir durchaus bewusst, wie aufwändig die ganze Bergungsaktion gewesen sein muss.

 

Beim Unfall hatte ich einen offenen Unterschenkelbruch mit anschließendem "Compartement-Syndrom" erlitten und musste in den darauffolgenden Monaten insgesamt 6 Operationen, Reha und Physiotherapie über mich ergehen lassen.

Trotzdem hatte ich großes Glück und habe es insbesondere den Bergrettern zu verdanken, dass alles so reibungslos ablief.

 


Mein Dank gilt den Männern der Bergrettung Werfen, dem Notarzt und der Helikopterbesatzung die äußerst professionell gearbeitet und dabei ihr Leben für mich riskiert haben!!!

 

Ebenfalls möchte ich mich bei meinen beiden Bergkameraden Chris und Fritz, sowie dem Hüttenwirt und seinem Sherpa bedanken, da sie mich in dieser schweren Lage nicht nur gesichert, sondern auch mental sehr unterstützt haben!!!


Mein Dank an alle Beteiligten ist so groß, dass ich es wirklich kaum in Worte fassen kann und darum werde ich es gar nicht erst versuchen!!!


Die Berge können viel geben, aber auch viel nehmen, dennoch machen wir uns auf, um mit ihnen unsere Zeit zu verbringen und Abenteuer zu erleben.


(Bericht geschrieben von Lukas)