Großglockner vom Ködnitztal

Großglockner  Stüdlgrat (SW- Grat)

 

 

Ende Juni 2015 brach ich mit meinem Bergkameraden Michi auf, um den Großglockner zu besteigen.

 

Der Großglockner (auch  kurz "Glockner") ist so ziemlich für jeden Alpinisten ein Traumziel, da es sich hierbei  nicht nur um einen imposanten Berg mit diversen Routen verschiedenster Schwierigkeit handelt, sondern ganz nebenbei auch noch um den Höchsten Österreichs.

 

So entschieden wir uns, nach einiger Überlegung, für den Stüdlgrat (ZS, III+) als Aufstiegsroute, da er weit weniger „überlaufen“ ist als der Normalweg  und zudem eine anspruchsvolle Kletterei in durchweg  gutem Fels bietet.

 

Nachdem wir alle Informationen eingeholt und den Wetterbericht gecheckt hatten, ging es los und wir fuhren gemeinsam nach Kals am Großglockner und von dort aus weiter bis ins Ködnitztal, um dort am Lucknerhaus zu parken.

 

Nachdem wir am Felbertauern Tunnel, sowie am Eingangsportal der Großglocknerstraße jeweils um den üblichen "Wegezoll" erleichtert wurden, erreichten wir am späten Nachmittag den Parkplatz vor dem Lucknerhaus und machten uns zügig an die 800 Höhenmeter Aufstieg zur Stüdlhütte.

 

Die Stüdlhütte vom Fanatkogel

Zunächst auf einem breiten Wanderweg und später über steinige Pfade, stiegen wir durch das Ködnitztal aufwärts, vorbei an den schroffen Felswänden der Freiwandspitze.

Vor uns hüllte sich der Gipfel des Glockners in dichte Wolken und verwehrte uns so einen Blick auf seine beeindruckende Schönheit.

Je weiter die Zeit voran schritt, desto schlechter wurde das Wetter, wodurch wir die letzte halbe Stunde des Hüttenzustiegs bei Schneeregen absolvierten, sodass ich froh war, als wir nach knappen 2 Stunden, die warme Stüdlhütte erreichten.

 

Meine Skepsis über die Machbarkeit unseres Unterfangens wuchs von Minute zu Minute an, da das Wetter doch schlechter war, als vom Wetterbericht angesagt.

Für den kommenden Tag  war ab Morgens eine schnelle Wetterbesserung angesagt und so klammerte ich mich an diese Hoffnung und den Gedanken auf dem höchsten Punkt Österreichs zu stehen.

 

Nach Erreichen der Unterkunft, bezogen wir unsere Nachtlager, wobei wir zuvor noch einen schnellen Abstecher auf den Fanotkogel machten, um uns den Zustieg für den morgigen Tag anzusehen, soweit es die Wolken zuließen.

Der Zustieg erschien uns nicht sehr komplex und so kehrten wir, bei stärker werdendem Schneefall, zur die Hütte zurück.

 

Wir genossen das ausschweifende Abendbuffet der Stüdlhütte und gingen die Details für die kommende Tour noch einmal durch.

Zu meiner Erleichterung war die Hütte, obwohl es ein Wochenendtag war, nur zur Hälfte gefüllt, wobei die Mehrheit der anwesenden Bergsteiger aus Osteuropa zu kommen schien.

"Voll gestopft" gingen wir früh zu Bett, denn bereits um 4 Uhr sollte uns der Wecker wieder auf die Beine holen.

 

Trotz leichter körperlicher Erschöpfung fand ich die Nacht über nur wenig Schlaf, denn der Wind stürmte mit lautem Getöse um die Hütte und trug nicht gerade dazu bei, meine innere Anspannung zu lösen.


Zustieg über das Teischnitzkees

 

Durch das Klingeln des Weckers wurde ich endlich aus meinem unruhigen Halbschlaf erlöst, sodass ich mich umgehend abmarschbereit machte.

Michi hate anscheinend besser geschlafen und war bereits am frühen Morgen voller Zuversicht, obwohl draußen immer noch ein kräftiger Wind wehte.

 

Um halb 5 traten wir, im Licht unserer Stirnlampen, vor die Tür und gingen über einen steilen Rücken in Richtung des Teischnitzkees (Gletscher), um zum Grateinstieg zu gelangen.

Im Dämmerlich erkannte ich, dass es in der Nacht wohl an die 10 Zentimeter Neuschnee gegeben haben musste, was unseren Aufstieg zusätzlich erschweren würde.

 

Am Gletscher angekommen, seilten Michi und ich uns an, wobei ich anschließend die Seilschaftsführung übernahm.

 

Durch den immer noch starken Wind, der uns frontal entgegenblies, hatte ich extreme Probleme nach dem Wegverlauf zu schauen, da mir die anfliegenden Schneekörner nicht nur ein gratis "Gesichtspeeling" verpassten, sondern auch höllisch in den Augen brannten.

 

Wir hielten uns immer parallel zum Luisengrat, sodass wir nach etwas über 1 ½ Stunden, auf 3175 Meter Höhe, den Einstieg zum Grat erreichten.

Zwischenzeitlich hatte sich der Wind etwas beruhigt und die Morgensonne kündigte sich bereits mit einigen Strahlen an.

Hoch oben am Grat türmten sich die Wolkenbänke auf, vereint mit langgezogenen Schneefahnen.


Nachdem ich mir eifrig eine Packung Nüsse in den Mund geschaufelt hatte, ging es auch schon los und wir stiegen zunächst seil frei über das blockige Gelände, der sog. "Perterstiege" hinauf auf die Gratschneide.

Obwohl das Gelände recht einfach war, kletterten wir mit größter Vorsicht, denn die Felsen waren mit einer dünnen Schneeschicht überzogen und teilweise sogar vereist.

Ich ahnte bereits, dass wir den Stüdlgrat nicht bei besten Bedingungen erwischt hatten, was uns wohl einen spannenden Aufstieg bescheren würde.

 

Nach kurzer Kletterei, durchstiegen wir einen kleinen, mit Schnee gefühlten, Kamin, sodass wir als bald das "Frühstücksplatzl" erreichten, wo erst die eigentlichen Schwierigkeiten der Route begannen.

Aufgrund der sowieso schon ungemütlichen Bedingungen ließen wir unser Frühstück ausfallen und machten uns gleich an die erste Schlüsselstelle, eine steile vereiste Verschneidung.

 

Trotz des Umstandes, dass mich mein Bergkamerad Michi mit dem Seil sicherte und in der Verschneidung ein Drahtseil installiert war, bedurfte es mich einiger konzentrierter Kletterzüge, um mich empor zu kämpfen.

Das Drahtseil war dabei allerdings nicht wirklich eine Hilfe, da man bei Vereisung so gut wie keinen Halt daran findet.

Diese erste Schlüsselstelle stimmte uns auf die nun folgenden Schwierigkeiten ein, weshalb wir uns dazu entschieden, von nun an komplett von Standplatz zu Standplatz durchzusichern.

 

Nun ging es zunächst etwas unkomplizierter zur Sache und zwischenzeitlich genoss ich den Anblick der majestätischen "Glocknerwand", deren Felszacken bereits von den Sonnenstrahlen in goldenen Glanz gehüllt wurden.

 

Mein visuelles Abschweifen wurde jedoch abrupt unterbrochen, als wir an die sog. "Kanzel" kamen, wobei es sich um einen steilen Grataufschwung handelt, den man zwar südseitig umgehen kann, jedoch dabei große Ausgesetztheit erfährt.

 

Zu meiner nervlichen Entspannung, stieg Michi diese Stelle vor und so konnte ich mich im Nachstieg ganz darauf konzentrieren meine Steigeisen auf den schmalen Tritten im Fels zu platzieren.

Wie ich feststellte, war Michi in guter Form und hatte weit weniger Bedenken als ich, was den weiteren Aufstieg anging.

 

In Wechselführung kletternd, meisterten wir das weitere Gelände, welches uns gelegentlich dazu zwang von der Gratschneide hinab in die Westflanke zu klettern, nur um anschließend wieder aufzusteigen.

Ein 30 Meter hohen Steilaufschwung und eine kleine Platte kosteten uns einige Anstrengung bei der Überwindung, was größtenteils daran lag, dass wir am vereisten Fels nur schwerlich Halt fanden.

 

Zu meiner Erleichterung besserte sich das Wetter aber zunehmend, sodass meine klammen Finger wieder etwas Gefühl bekamen, denn diese waren durch die lange Kletterei am schnee-/eisbedeckten Fels taub geworden.

Nun kämpfte sich stetig die Sonne durch die Wolkenschwaden und schickte wärmende Sonnenstrahlen auf die Gratschneide hinab.

 

Zu unserer linken Seite erstreckte sich das "weiß gezuckerte Teischnitzkees" und zu unserer Rechten das überschaubare "Ködnitzkees", beides Gletscher, welche sich, aufgrund der Klimaerwärmung, stark zurückgezogen haben.

Wir waren bereits einige Stunden in der Route unterwegs, als wir schließlich die Crux (Schlüsselstelle)  der Tour erreichten.

 

Eine große Hangelplatte, die im oberen Teil mit einem Drahtseil versichert ist, muss zunächst über einen kleinen Aufschwung erreicht werden.

 

Ein kleines Fixseil erleichtere uns das Erreichen der Platte, wobei ich hier äußerst fokussiert versuchte meine Frontalzacken der Steigeisen auf den minimalen Felsunebenheiten der Platte zu platzieren.

 

Ich bekam schließlich den oberen Rand der Platte zu fassen und zog mich mit aller Kraft daran hoch, was aus klettertechnischer Sicht bestimmt nicht sehr elegant aussah, jedoch seinen Zweck erfüllte.


Am Gipfel des Großglockners

Michi überwand die Stelle ebenfalls und nachdem wir etwas südseitig vom Grat ab geklettert waren, erreichten wir schließlich über eher einfaches Gelände den Gipfel des Großglockners.

Ich war erleichtert nun endlich den Gipfel erreicht zu haben und genoss nochmals den herrlichen Ausblick auf die Glocknerwand, sowie den Nordwestgrat.

Zu meiner Überraschung waren wir an diesem Tag die einzige Seilschaft die über den Stüdlgrat aufgestiegen war, jedoch währte unsere Einsamkeit am Gipfel des Glockners nur kurz, da bereits vom Normalweg her die Massen heranstürmten.

 

Gleich die bei der ersten Seilschaft die vom Normalweg her zu uns stieß, wurden wir Zeugen eines Heiratsantrags und durften die entsprechende fotografische Dokumentation des Verlobungsaktes festhalten.

 

Als es uns am Gipfel zu voll wurde, machten wir uns an den Abstieg und kletterten zunächst relativ einfach in die Glocknerscharte ab.

Zu unserem Glück, hatten wir anscheinend eine Lücke zwischen den Seilschaften erwischt und konnten direkt zum Kleinglockner weitersteigen.

Am laufenden Seil und gesichert an den vorhandenen Eisenstangen erreichten wir schließlich den Einstieg in das "Glocknerleitl", wobei es sich um eine 40 Grad steile Schnee-Eisrinne handelt.

Da aber hier perfekter Trittschnee und eine ausgetretene Spur vorhanden war, konnten wir zügig hinab steigen, sodass wir kurz darauf die Erzherzog-Johann-Hütte passierten.


Ab der Erzherzog-Johann-Hütte begann ein drahtseilversicherter Steig, der uns direkt hinab auf den Gletscher des Ködnitzkees führte.

Immer wieder mussten wir aufsteigenden Bergsteigergruppen Platz machen, damit diese an uns vorbei konnten, was aufgrund des zuweilen ausgesetzten Geländes nicht immer einfach war.

 

Auf dem Gletscher angekommen seilten wir uns wieder an, um das Risiko eines Spaltensturzes zu minimieren.

Auf den ersten Blick könnte man meinen das Ködnitzkees sei harmlos und die "planierte" Aufstiegsspur wiegt einen geradezu in trügerischer Sicherheit, dennoch versteckt sich unter dem Schnee die ein oder andere Spalte.

Blick hinab ins Ködnitztal und der Lucknerhütte

Nach rund 1 ½ Stunden Abstieg mit grandiosen Tiefblick ins Ködnitztal hinab erreichten wir erschöpft, aber glücklich wieder unseren Ausgangspunkt, den Parkplatz beim Lucknerhaus.

 

Das anschließende "Festessen" im Lucknerhaus schmeckte ausgezeichnet und so genossen wir noch die Nachmittagssonne, die in der Zwischenzeit die Oberhand über die Wolken gewonnen hatte und nun herunter brannte.

 

Nachdem ich mich von Michi verabschiedet hatte, ging es wieder in Richtung Heimat, wobei ich die ganze Fahrt über mit dem Schlaf zu kämpfen hatte.

Verständlich nach so einer grandiosen alpinen Tour in völliger Einsamkeit. (zumindest bis zum Gipfel)

 

Der Glockner ist wirklich ein faszinierender Berg mit vielen alpinen Tourenmöglichkeiten, wobei die Hauptanstiege, je nach Wochentag und Jahreszeit, stark frequentiert sein können.

Dennoch ist und bleibt der Großglockner eine hochalpine Unternehmung und ein tolles Erlebnis.