Illiniza Norte

Bergreise Ecuador

 

 

Der Übergang des Todes

 

Nach der geglückten Corazòn Besteigung gönnte ich mir am nächsten Tag ein wenig Schlaf und ein reichhaltiges Frühstück, zumal wir erst gegen Mittag aufbrechen wollten, um zum Refugio Nuevos Horizontes aufzusteigen, welches der Ausgangspunkt für unsere Besteigung des Illiniza Norte sein sollte.

 

Obwohl ich, nach der gestrigen Anstrengung, doch ein wenig ausgelaugt war, konnte ich vor lauter Vorfreunde auf meinen ersten 5000er kaum schlafen und zudem lag unsere Hazienda, in der wir nächtigten, bereits auf 3600 Metern, was das Schlafen zusätzlich erschwerte.

Es ist schon beklemmend mitten in der Nacht aufzuwachen und das Gefühl zu haben das man keine Luft mehr kriegt.

 

Dies kam bei mir zum Glück, während der gesamten Reise, nur zwei Mal vor und man lernt seine Atmung wieder etwas zu beruhigen, um dann einfach weiter zu schlafen.


Gegen Mittag brachen unser Guide Jaime, mein Onkel und ich dann schließlich auf und fuhren mit dem Geländewagen zu einem Parkplatz auf knapp 4000 Meter Höhe, unserem Startpunkt.

Meine Tante blieb zwischenzeitlich auf der Hazienda und genoss dort, die einsetzende Schönwetterphase mit blauem Himmel und Sonnenschein.

 

Zum Anfang der Tour durchwanderten wir wieder die, für Ecuador typische, Paramolandschaft, wobei diese, mit zunehmender Höhe, immer karger und steiniger wurde.

 

In den Nachmittagsstunden zogen dann Regenwolken auf und die Sichtweite verringerte sich zusehends.

 

Weg zum Refugio Nuevos Horizontes

Die Orientierung war, zumindest bis zum Refugio, kaum ein Problem, da man dort auf deutlich ausgetretenen Wegen läuft und sich ab und an auch ein Wegweiser finden lässt.

 

Während ich so vor mich hin trottete, staunte ich immer wieder über die ausgeprägten Erosionsrinnen, die sich hier und da durch den Boden fraßen.

 

Schließlich verschlechterte sich das Wetter so sehr, dass wir den letzten Anstieg, über eine nicht enden wollende Schutt- bzw. Geröllhalde, im Schneeregen zurücklegen mussten.

Diese Art von Niederschlag verabscheue ich persönlich am meisten, da man in kürzester Zeit wirklich bis auf die Knochen durchgefroren ist.

 

Und so war das Erreichen des Refugios dann schließlich eine Offenbarung, zumal Jaime schon vorgelaufen war und uns mit einer heißen Tasse Tee erwartete.

Zudem begann er auch noch damit Spaghetti zu kochen, natürlich mit einer selbst gemachten Soße.

 

Das Refugio Nuevos Horizontes befand sich auf rund 4700 Meter (fast Mont Blanc Höhe) und war, im Vergleich zu Alpenvereinshütten, eher spärlich ausgestattet.

Trotzdem gab es dort eine Kochstelle, eine separat abgetrennte Toilette, Stockbetten mit Matratzen und sogar einen "Heizpilz", der mit Gas betrieben wurde.

 

Zunächst waren wir die einzigen Bergsteiger im Refugio, doch nach und nach trudelten immer mehr Seilschaften aus aller Herren Länder ein, bis auch das letzte Bett belegt war.

 

Ich staunte nicht schlecht, als sogar ein einheimischer Indio mit seinem Pferd und einem Esel bis zur Hütte hinauf geritten kam und uns mit neuen Gasflaschen belieferte.

Unglaublich wie das Pferd diesen steilen Geröllhang auf dem Aufstiegsweg bewältigt hatte!

 

Fuchs am Refugio Nuevos Horizontes

Nach dem Essen ging ich noch einmal raus vor die Tür, um mir die Beine zu vertreten und sah mich plötzlich zwei Füchsen gegenüber, die mich fordernd ansahen.

 

Da noch ein paar Fleischstücke vom Essen übrig geblieben waren, erbarmte ich mich und holte diese aus der Hütte.

 

Da die Füchse offensichtlich an die Bergsteiger und deren Fütterungs-bereitschaft gewöhnt waren, zögerten sie nicht lange und schnappten mir die Fleischstücke direkt aus der Hand, wobei ich höllisch aufpassen musste, dass meine Finger nicht zwischen die messerscharfen Zähne gerieten.

 

So vertrieben wir uns den Nachmittag und legten uns schließlich früh am Abend in unsere Schlafsäcke, da es am nächsten Tag zeitig losgehen sollte.


Am nächsten Morgen ging bereits um halb 6 Uhr der Wecker und ich zog mich an. Meinem Onkel ging es zunehmend schlechter und aufgrund von starken Kopfschmerzen blieb er lieber im Refugio zurück.

 

Daher traten Jaime und ich den Gipfelgang alleine an und verließen gegen 6 Uhr das Refugio in Richtung des Sattels (La Ensillada), der sich etwas oberhalb des Refugios und damit zwischen den beiden Illiniza Gipfeln, befand.

 

Am Morgen herrschte dichtes Schneetreiben und starker Wind, sodass mich langsam die Sorge beschlich, dass uns der Gipfelgang verwehrt bleiben würde.

 

Im Licht der Stirnlampen erreichten wir schließlich den Sattel und stiegen über einen sandigen Hang hoch auf den Südostgrat, wobei Jaime wieder großartige Arbeit leistete.

Für mich wäre es unmöglich gewesen, den Weg bei völliger Dunkelheit und starkem Schneetreiben zu finden, da die ausgetretenen Wegspuren bereits unter einer dünnen Schneeschicht verschwunden waren.

 

Oben auf dem Südostgrat packten wir dann das Seil aus und bewältigten die ersten leichten Kletterstellen (I-II) bis wir am Vorgipfel (oder auch Südgipfel) ankamen.

Hier war es bereits hell geworden, sodass wir gut sehen konnten, was bei der nun folgenden heiklen Querung mit dem klangvollen Namen "Paso de la Muerte" auch sehr von Vorteil war.

 

Zunächst stiegen wir ein Stück in die Nordostwand ab und kamen dann zum Beginn des berüchtigten "Paso de la Muerte", was so viel bedeutet wie "Übergang des Todes".

Dabei quert man, ziemlich ausgesetzt, eine Passage von ca. 15 Metern oberhalb einer steilen Felsrinne.

 

Jaime querte zuerst und dann war es an mir die Sache anzugehen.

Der Fels war überall mit einer dünnen feuchten Schneeschicht überzogen, was die eigentlich nicht sehr schwierige Kletterstelle (II Stelle UIAA) doch interessanter werden ließ.

 

Vorsichtig prüfend suchte ich mir meine Tritte und Griffe, während ich mich Meter für Meter, immer dicht an der Felswand entlang, auf Jaime zuschob.

Nach kurzer Anspannung war es geschafft und wir setzten unseren Weg, in leichter Kletterei fort, bis wir einen Seitenarm des Gipfelgrates erreichten, an dem wir nun aufstiegen.

Die Kletterei (I-II) bis zum Gipfel verlangte noch einmal volle Konzentration, obwohl es hier nicht besonders schwierig war.

Ein Ausrutschen war jedoch nicht erlaubt, denn ein Sturz hätte, aufgrund des zum Teil sehr ausgesetzten Geländes, fatale Folgen gehabt.

 

Nach rund zwei Stunden hatten wir es dann geschafft und ich war überglücklich auf meinem ersten 5000er zu stehen, auch wenn wir mal wieder keinen Ausblick genießen konnten.

Trotzdem machten wir es uns am Gipfel gemütlich und rasteten kurz, natürlich erst nachdem wir unsere Liegestütz absolviert hatte.

 

Zu meiner Ernüchterung musste ich feststellen, dass der Tee in meiner mitgeführten Aluflasche zwischenzeitlich zu einem einzigen Eisklumpen gefroren war, sodass mir nichts anderes übrig blieb, als Stücke davon im Mund aufzutauen, was nicht gerade angenehm war.

 

Nach ca. 15 min machten wir uns an den Abstieg und kletterten erst wieder ein Stück den Aufstiegsweg zurück und querten dann etwas nach Norden, um dort eine steile Felsrinne hinunter zu steigen.

 

Als ich fast am Ende der Rinne angekommen war, vernahm ich plötzlich ein Geräusch über mir und noch ehe ich mich umdrehen konnte, zischte es schon heran und ein ca. "handballgroßer" Felsbrocken flog in etwa 5 m Entfernung an Jaime und mir vorbei.

 

Dies zeigte mir noch einmal, dass man auch diese Tour keines Falls unterschätzen sollte, da das Vulkangestein überwiegend brüchig ist.

 

Nach der Schrecksekunde, kletterten wir noch ein Stück abwärts und gelangten anschließend auf die großen Sand- und Geröllhalden der Nordostwand und liefen über diese relativ bequem zurück in Richtung des Sattels, wobei wir praktisch den Südostgrat umgingen.

So gelangten wir nach weiteren 2 Stunden wieder zum Refugio, packten umgehend unsere Sachen zusammen und stiegen gleich weiter zum Parkplatz hinunter.

 

Auf der Hazienda angekommen, wurden wir bereits von meiner Tante und einem reichhaltigen Mittagessen erwartet.

 

Nachdem wir unsere Zimmer geräumt und uns von der Gastwirtin verabschiedet hatten, fuhren wir in südliche Richtung zur Lodge Estrella del Chimborazo, denn dort lag unser nächstes Ziel.

 

 

Fortsetzung im Teil Chimborazo


(Bericht geschrieben von Lukas)