der Piz Glühschaint von Norden

Piz Glüschaint Südwestgrat

 

 

Mitte Juli 2015 brach ich, mit meinem Bergkameraden Alex und zwei weiteren Bergsteigern namens Josef und Andi, zu einer geplanten einwöchigen Tour in die Berninagruppe auf.

 

Diese Berggruppe, deren höchster Gipfel der 4048 Meter hohe Piz Bernina ist, erstreckt sich über Teile der Schweiz, sowie Italiens und stellt die westliche Grenze der Ostalpen dar.

 

So gesehen ist der Piz Bernina damit der einzige Viertausender der Ostalpen.


 

Wir trafen uns in Rosenheim, schlossen uns zu einer Fahrgemeinschaft zusammen und fuhren rund 4 ½ Stunden durch Österreich hindurch, bis zum Örtchen Pontresina in der Schweiz, welches der Ausgangspunkt unserer Tour werden sollte.

       

Nachdem wir unser Auto, am späten Nachmittag, im Ort abgestellt und den Parkautomaten mit rund 45 Schweizer Franken gefüttert hatten, machten wir uns auf den Weg zur Coazhütte, die wir noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wollten.

      

Vom Parkplatz aus, begaben wir uns zu Fuß in das wunderschöne hochalpine Seitental Val Roseg, um die etwa 15 km lange Wanderung zur Hütte hinter uns zu bringen.

 

Unser erstes Etappenziel war hierbei das Hotel bzw. Gasthaus "Roseg Gletscher", welches wir ungefähr nach der Hälfte der Strecke erreichten. 

 

Alternativ besteht ab Pontresina die Möglichkeit den Weg bis zum Hotel per Pferdekutsche zurück zulegen, was jedoch selbstverständlicher Weise seinen Preis hat.

      

Wir entschieden uns allerdings für den Fußmarsch und wurden dafür landschaftlich reich belohnt.

 

Blick auf den Piz Glühschaint, Piz Sella

 

Am Anfang des Tales liefen wir auf breiten Wanderwegen, gesäumt von schattenspendenden Bäumen und Sträuchern, entlang eines wilden Flusses, der von kleinen Gletscherbächen, aus den Bergflanken hoch über uns, gespeist wurde.

 

Gelegentlich hielt ich an, um die farbenfrohen Wildblumen und Kräuter zu bestaunen, die sich zu dieser Zeit in voller Blüte befanden, was dazu führte, dass der Marsch zum Hotel wie im Flug verging.

 

Nach einer kurzen Trinkpause am Hotel, machten wir uns schließlich an den nächsten Abschnitt unseres Hüttenzustiegs, der uns zuweilen sehr flach und weit hinein ins Tal, bis an den Rand eines großen Bergsees, dem "Lej da Vadret", führte.

 

Von hier aus sahen wir das erste Mal die Coazhütte, welche, umgeben von zerklüfteten Gletschern und imposanten Gipfeln, auf rund 2610 Metern über dem See thronte.

 

Zügig ließen wir den letzten anstrengenden Anstieg hinter uns und gelangten, auf schmalen steinigen Pfaden, zur Hütte.

 

Da Alex und ich bereits vor gelaufen waren und rechtzeitig unsere Unterkunft erreichten, konnten wir noch das Abendessen für Josef und Andi sichern, die erst eine gute Stunde später eintrafen.

      

Nach dem Essen bereiteten wir unsere Ausrüstung für den nächsten Tag vor und gingen alle früh zu Bett, da uns eine anstrengende Tour bevor stand, die weit anspruchsvoller werden sollte als ich bis dahin angenommen hatte.


 

Am nächsten Morgen wurden wir um halb 5 Uhr, vom Klingeln des Weckers, abrupt aus unserem Schlaf und den damit verbundenen Träumen gerissen.

 

Nach einem kurzen Frühstück, rafften wir unsere Sachen zusammen und befanden uns eine halbe Stunde später auf dem Weg in Richtung Gletscher.

       

Die Morgenluft war erfrischend kühl, was unser Vorankommen sehr beschleunigte, sodass wir, nach einem kurzen Geröllhang bereits den Beginn des Gletschers erreichten.

 

Hier zogen wir nicht nur unsere Steigeisen an, sondern banden uns auch alle Vier ins Seil ein, um das Spaltensturzrisiko zu minimieren.

      

Da der Schnee, aufgrund der kühlen Temperaturen über Nacht, noch hart gefroren war, konnte wir mit den Steigeisen gut gehen und so überwanden wir auch die ersten zwei, ca. 45 Grad steilen, Gletscherstufen recht schnell.

 

In der Ferne konnte ich bereits den felsigen Aufbau des Piz Glüschaint erkennen, über welchem sich leuchtend die ersten Strahlen der Morgensonne ankündigten.

      

Fasziniert warf ich immer wieder einen Blick auf den zerklüfteten Gletscher unter uns, der seine Eismassen seit Jahrtausenden langsam talwärts schiebt, wobei er Teils riesige Spalten im Eis hinterlässt.

 

Unvorstellbar welche Größe dieser "Eispanzer" in der Vergangenheit gehabt haben muss!

Steilaufschwung Südwestgrat Piz Glühschaint

 

Nach gut zwei Stunden Anstieg über relativ leichtes Gletschergelände und Großteils sanft geneigte Hänge, erreichten wir schließlich den Beginn des Südwestgrates (ZS, III auf der Schwierigkeitsskala), welcher zum Gipfel des Piz Glüschaint führt.

     

 

Vor uns türmte sich der Grat mit seinen losen Felsblöcken auf, wobei er auf mich den Eindruck eines riesigen Schutthaufens machte. 

 

Um auf den Grat zu gelangen, umgingen wir den ersten, sehr brüchig anmutenden, Felsaufschwung und wählten eine westseitige Rinne als Aufstieg.

 

Die Rinne war etwa 45 Grad steil und komplett mit dickem Blankeis überzogen, was nun zur Herausforderung wurde, da wir ausschließlich die übliche Gletscherausrüstung mitführten.

 

Ich übergab Alex meinen Pickel und alle Eisschrauben die wir hatten, insgesamt drei Stück an der Zahl.

 

Nachdem ich mit einer Eisschraube einen Standplatz gebaut hatte, stieg Alex vorsichtig die Eisrinne empor.

 

Die Länge unseres Seils reichte glücklicherweise aus, sodass Alex an einem Felskopf auf dem Grat "Stand" machen konnte, bevor ihm die Eisschrauben ausgingen.

 

Da ich aber Alex meinen Eispickel übergeben hatte, musste ich nun einzig und allein mit der Eisschraube aus meinem Standplatz das Blankeis empor klettern.

 

Ich band Josef und Andi, in unser zweites Seil ein, was wir als Reserve bzw. als Kletterseil für die zweite Seilschaft dabei hatten, und stieg anschließend in die Rinne ein.

 

Kräftig stieß ich immer wieder die Eisschraube in das Blankeis, wobei ich mich mit meiner anderen Hand lediglich abstützen konnte.

 

Vorsichtig ausbalancierend stand ich ausschließlich auf den Frontalzacken meiner Steigeisen und versuchte immer in die von Alex geschlagenen Kerben zu treten.

 

Meter für Meter arbeitete ich mich langsam aufwärts, als ich schließlich den Grat erreichte, was meinen Nerven nur gut tat.

 

 

Nachdem wir alle sicher auf dem Grat angekommen waren, bildeten wir gleich starke Seilschaften, sodass Alex und der unerfahrene Josef, sowie Andi und Ich jeweils zusammen kletterten.

 

       

Der Grat führte uns nun leicht aufsteigend zu einem ersten Steilaufschwung, welcher aber auch recht schnell überwunden war.

 

Anschließend verlief der Weg, über grobe Felsblöcke, etwas abwärts und dann flach zu einem weiteren Steilaufschwung.

 

Alex und Josef sicherten auf dem Grat von Standplatz zu Standplatz, doch Andi und ich waren gut in Form und so gingen wir am laufenden Seil.

 

Die Kletterei führte meistens über loses Blockwerk (II), ausgenommen die gelegentlichen IIIer Stellen, was dazu führte das wir jede Menge Spaß hatten, obwohl der Fels hier und da zum Teil recht brüchig war.

 

Der Gipfel des Piz Glüschaint

Schließlich gelangten wir gegen Mittag zum Gipfel des Piz Glühschaint und genossen unsere Brotzeit bei bestem wolkenlosem Wetter.

 

 

Von hier aus hatten wir einen grandiosen Blick auf die hohen schneebedeckten Gipfel der Berninagruppe, die, umrahmt von schroffen Felswänden und wilden Gletschern, hoch über dem Tal thronten.


 

Aufgrund des langen, noch ausstehenden, Abstiegs machten wir uns sehr bald wieder auf den Weg und kletterten nun den Nordgrat (II) abwärts, bis zu einer kleinen Scharte, von der aus wir uns gut 35 Meter auf den Gletscher abseilten.

 

Wieder mit Gletschereis unter den Steigeisen, seilten wir uns umgehend an und liefen ein kurzes Stück parallel zum nördlichen Felsgrat des Piz Glüschaint.

 

Zwischenzeitlich hatte die Sonne ihren Zenit überschritten und stand hoch am Himmel, was dazu führte, dass wir selbst auf über 3000 Metern Höhe gut ins Schwitzen kamen.

 

Mit einigem Unbehagen stellte ich zudem fest, dass der Schnee, der das Gletschereis größtenteils bedeckte, bereits sehr nass und sulzig geworden war.

 

Zunehmend wurde das Gelände nun anspruchsvoller und ich konnte vor uns einen Steilhang ausmachen, der von riesigen offenen Spalten durchzogen war.

 

Zu unserem Entsetzen stellten wir fest, das keine Schneebrücken über die Spalten führten und der Schnee auf dem Hang größtenteils abgeschmolzen war, sodass dort nun das Blankeis zum Vorschein kam.

 

Wir stoppten kurz, um uns zu beraten.

 

Es blieben im Grunde genommen nur zwei Optionen und diese waren entweder den kompletten Grat zurück zu klettern oder den schattigen Hang unterhalb des Nordgrates hinabzusteigen.

 

Wir hofften darauf, dass die Temperaturen in dem schattigen Hang nicht so viel Schnee geschmolzen hatten, deshalb entschieden wir uns für

diese Variante.

 

 

Nun querten wir hinüber zum Beginn des Nordhangs, der sich auf etwa 45 Grad auf steilte, wo jedoch, zu meiner Erleichterung, noch etwas Schnee lag.

 

Gerade hatte sich bei mir etwas Optimismus eingestellt, als ich sah, wie sich ein "kühlschrankgroßer" Felsbrocken aus dem Nordgrat löste und langsam ins Rutschen geriet.

 

Mit angsteinflößendem Getöse nahm der Felsbrocken immer mehr an Fahrt auf, überschlug sich und fiel dann auf eine Felsstufe hinab, wo er in Hunderte von Fragmenten zerbarst und diese wie "Schrapnelle" in den Hang unter uns schleuderte.

      

Um weiteren Steinschlag zu entgehen, machten wir uns zügig ans Werk und nachdem Alex einen Stand mit zwei Eisschrauben gebaut hatte, stieg ich mit Josef und Andi den Hang hinab.

 

Mitten im Hang befand sich nochmals eine Bankeisstelle, die wir mit äußerster Vorsicht querten, wodurch wir dann jedoch guten Trittschnee erreichten.

 

Der Hang war durch die vielen Schneerutsche im Sommer von tiefen Furchen durchzogen, die wie eine Art "Bobbahn" ausgefräst waren.

 

Da ich voran gestiegen war, erreichte ich als Erster das untere Ende des Hanges und stand auf einmal vor einem riesigen Bergschund (Spalt zwischen Schnee und Felswand), der weit und breit keinen Übergang aufwies.

 

Ich wartete bis Alex nachgestiegen war und verkündete ihm die schlechte Botschaft.

 

Wir entschieden uns schließlich dazu, einen Eispickel im Hang zurück zu lassen, um diesen als Fixpunkt für unser Abseilmanöver zu benutzen.

 

Da Josef einen alten, fast schon antiken, Pickel hatte, wurde nicht lange gefackelt und er sah ihn im Schnee verschwinden.

 

Alex grub den Pickel soweit er konnte ein und anschließend seilten wir uns Einer nach dem Andren daran ab.

 

Da ich der Jüngste der Seilschaft war und zudem keine Kinder hatte, war ich als Letzter an der Reihe.

 

Als ich mich über Kante des Hanges abseilte, staunte ich nicht schlecht, als ich in einen etwa 3 Meter breiten Spalt blickte, aus dem mir nur die Dunkelheit entgegen starrte.

 

Nachdem wir unser kleines Abseilmanöver alle heil überstanden hatte, machten wir uns auf den Rückweg zur Hütte, der uns zunächst in das Spaltengewirr des Gletschers führen sollte.

 

Auf schmalen Schneebrücken balancierend, suchten wir uns den Weg durch dieses kühle Eislabyrinth und mussten gelegentlich kleinere Sprünge wagen, um den drohenden Abgrund zu überwinden.

 

Mit einer Mischung aus Faszination und Ehrfurcht betrachtete ich die eisigen Tiefen der mächtigen Gletscherspalten, die ihr Innerstes in der Dunkelheit zu verbergen versuchten.

 

Mehrmals mussten wir umkehren und einen anderen Weg suchen, da ein Weiterkommen durch offene Spalten unmöglich wurde.

 

Stunde um Stunde verging und inzwischen war jeder mindestens einmal in eine, von Schnee überdeckte, Spalte eingebrochen und auch ich war erschrocken, als ich plötzlich nur noch Luft unter meinen Füßen hatte und bis zu Hüfte im Schnee steckte.

 

Da wir selbstverständlich angeseilt unterwegs waren, stellte dies jedoch keine größere Gefahr dar.

 

Die Sonne neigte sich bereits langsam hinter die Bergkuppen, als wir schließlich den letzten Schneehang zum Geröllfeld vor der Hütte erreichten.

Alex hatte uns glücklicherweise durch seine gute Orientierung auf den richtigen Weg gebracht, trotzdem sollte der Tag nicht ohne eine letzte Schrecksekunde zu Ende gehen.

       

Der letzte Abstieg führte durch eine mäßig steile Schneerinne, die vom abfließenden Schmelzwasser unterspült wurde und so geschah es, dass Alex plötzlich vor mir durch die Schneedecke brach und fast im reißenden Wasser landete.

 

Er konnte sich jedoch selbst befreien und so erreichten wir, sehr erschöpft, gegen etwa 19 Uhr abends die Hütte.


Blick von der Coaz Hütte auf den Gletschersee

 

Die schwierigen Verhältnisse während der Tour hatten uns 14 Stunden lang beschäftigt, obwohl man diese Tour locker in der Hälfte der Zeit gehen kann.

       

Da die Tour Josef und Andi sichtlich mitgenommen hatte, entschieden wir uns dafür wieder nach Hause zu fahren.

       

Am nächsten Tag begaben wir uns auf den Rückweg nach Pontresina, wobei wir dieses Mal das Angebot der Pferdekutsche dankend annahmen.

       

Nach 4 ½ Stunden Rückfahrt war meine erste Berninatour damit beendet.

 

Sie war spannender als ich erwartet hatte!

 

(Bericht geschrieben von Lukas)